Von der Kohle zum Internet – September 2006, 3.Teil, Kapitel I

Ich  folgte  nun  endlich  –  ein  wenig  beruhigt  –  meinem  immer  stärker  knurrenden  Magen  und  begab  mich  wieder  in  die  Messe,  um  mir  ein  Brot  zu  schmieren.   An  der  Wand  über  dem Küchenblock  begann  eine  Lampe  in  Form  einer  Sonne  hektisch  zu  blinken.   Erst  als  ich  das  Blinken  bemerkte,  fiel  mein  Blick  durch  eines  der  sechs  großen  Fenster  nach  draußen.   Tatsächlich,  der  Nebel  hatte  sich  gelegt,  die  Sonne  hatte  ihre  Arbeit  aufgenommen,  es  schien  ein  schöner  Tag  zu  werden.   Die  symbolische  Sonne  über  dem Kückenblock  signalisierte,  dass  der  Wärmetauscher  wieder  arbeitete.   Automatisch  fiel  mein  Blick  auf  die  Temperaturanzeige.   48  Grad.   „Da  müssen  wir  heute  kein  Warmwasser  zuheizen. “ Nachdem  ich  zwei  weitere  Brote  verspeist  hatte,  räumte  ich  ab  und  machte  den Spül.   Um  Brigitte  nicht  zu  stören,  machte  ich  die Tür  zum  Büro  zu.   Dann  legte  ich  eine  klassische  CD  ein.   Klassik  wirkte  in  der  Regel  beruhigend  auf  mich.   Nicht  jedoch  heute. Zwischen  Büro  und  Messe  hatten  wir  eine  Hauseingangstür  eingebaut,  damit  waren  die  beiden  Räume  schallisoliert  getrennt.   Unser  Schiff  musste  sich  wirklich  hinter  keinem  Haus  verstecken.   Bis  12. 00  Uhr  wollte  ich  noch  das  Buch  „The  Postman“  im  Orginal  lesen.   Dann  würde ich  das  Essen  kochen.   Heute  war  ich  dran.  

Um  12. 30  Uhr  würden  wir  wie  immer  gemeinsam  Mittag  essen,  danach  würde auch  ich  mit  der  Arbeit  beginnen.   Ob  Brigitte  mir  beim  Mittagessen  endlich  ihre  Entscheidung  mitteilen  würde? 

Pünktlich  um  12. 30  Uhr  kam  Brigitte  aus  den  Büro  und  erwartete  warmes  Essen  auf  dem  Tisch.   Es  bedurfte  einiger  Übung,  um  mit  dem Rayburn  480K  umzugehen.   Optisch  sah  der Rayburn  stilecht  wie  ein  alter  Kohleofen  aus.   Im  Inneren  barg  er  als  Kombiofen  jedoch  modernste  Technik.   Mit  Petroleum  getrieben,  reichte  der  15K  Brenner  aus,  um  die  Heizkörper  des  gesamten  Schiffs  im  kältesten  Winter  mit  bis  zu  85  Grad  warmem  Wasser  zu  versorgen.   Gleichzeitig  konnte  man Kochen  und  Backen.   Für  das  wirklich  leckere  Essen  war  Brigitte  zuständig.   Meine  Kunst  reichte  für  sattmachende  Hausmannskost.   Heute  gab  es  getoastete  Brote  belegt  mit  Schinken  und  in  der neuen  Teflonpfanne  gebratene  Spiegeleier.   „Iß,  sonst  wird  es  kalt“.  

Brigitte  begann  zu  essen,  während  ich  meine  eigenen  Eier  fertig  machte.   Ich  hätte  mir  für heute  ein  anderes  Essen  überlegen  sollen.   So  hatte  ich  keine  Gelegenheit,  Brigitte  zu  beobachten  und  auf  ihre  Stimmung  vorbereitet  zu  sein.   Endlich  waren  auch  meine  Eier  fertig  und  ich  setzte  mich  dazu.   Schon  immer  war  ich  in  unserer  Beziehung  derjenige  gewesen,  der  die  Dinge  ansprach.   Aber  solch  eine  wichtige  Entscheidung  würde sie  doch  wohl  nicht  ohne  mich  treffen? 

Brigitte  nahm  schweigend  ihr  Essen  zu  sich.   Die  kleine  Pause  hatte  sie  sich  nach  einem  anstrengenden  Morgen  verdient.   Vor  eins  ging  das  Telefon  und  Communitymanagerin  Marga  rief  an,  warum  ihre  Community  trotz  der hohen  Userzahl  und  den  von  „Community  im  Test“  vergebenen  guten  Noten  nicht  von uns  hochgestuft  wurde. 

Meine  Frau  setze  ihr  schulmeisterliches  Lächeln  auf,  welches  sich  auf  ihre  Tonlage  übertrug  und  versprach  die  Rangfolge  auf  Fehler  zu überprüfen.   Natürlich  war  es  unwahrscheinlich,  dass  es  einen  Fehler  im  System  gab.   Selbst  die angestellten  Trendscouts  wollten  einfach  nicht  verstehen,  dass das von FINDERS  entwickelte  Kategorienfiltersystem  nicht  wie  bei  Suchmaschinen  Suchtreffer  abhängig  von der Häufigkeit  aufgerufener  Keywordseiten  honorierte,  sondern  alleine  die  Qualität  der  Kundenanfragen  in  den  Shops  entschied,  welche  Shops,  Shopartikel  und  auch  Communitybeiträge  an  erster  Stelle  angezeigt  wurden.   Schließlich  war  es der Kunde,  von  dem  wir  alle  lebten.  

Die  Lizenz  eines  Kategorienmanagerbüros  sicherte  einem  eine   lebenslange  Existenz.     

Einen  Fehler  durfte  man  jedoch  auf  keinen  Fall  machen:  zu  viele  Kundensuchanfragen  zum  Thema  Schuhe  ins  Leere  laufen  lassen.   Häuften  sich  die  Kundenbeschwerden,  so hatte  das  FINDERS  Konsortium  die Möglichkeit  der  Provisionsminderung  bis  in  letzter  Konsequenz  gar  zum  Entzug  der Lizenz.   Hierfür  war  jedoch  ein  mit  hohen  bürokratischen  Hürden  versehenes  Gerichtsverfahren  nötig.        

  • Die Patentanmeldung zur Achtcard finden Sie in  http://www.dpma.de unter der Anmeldenummer PCT WO 00/077690 A3.

 Die  Pause  war  vorbei  und  auch  ich  musste  meine  R – Faxe  abrufen,  meine  E – Mails  überfliegen,  ob  sich  zwischen  dem  Spam  etwas  Relevantes  verbarg.   Alle  E – Mails  waren  bereits  von  Assistentin  Dagmar  vorsortiert  worden.   Doch  die  Techniken  der  Werbetreibenden  wurden  immer  ausgefeilter,  um  an  Dagmar  ,  z. B.   als angeblicher  wichtiger  Auslandspartner  vorbeizukommen.   

Immerhin  50%  des  gesamten  deutschen  Onlinehandels  aus  dem  Bereich  Schuhe  wurde  inzwischen  von  uns  begleitet.   Ca.   15. 000  freie  Regionalhändler,  300  Communitys  und  3000  Herstellerseiten  waren  in  die  Kategorie  Schuhe  integriert  und  mussten  gemanagt  werden.   Niemand  hatte  damit  gerechnet,  dass   die  Entwicklung  derart  rasch  voranschreiten  würde.   Dabei  war  es  nur  die  konsequente  Entscheidung,  auf  Basis  der bereits  2000  vorliegenden  Zahlen.   Damals  war  schnell  klar,  dass  nur  ein  kleiner  Teil  der  über  40jährigen  als  begeisterter  Computeruser  zu  gewinnen  wäre.   Wenn  auch  viele  politische  Entscheidungen  von Kanzler  M  heute  sehr  kritisch  als  Alleingänge  gesehen  werden,  so  ist  unstrittig,  dass  es  seiner  mutigen  Entscheidung,  allen  Bürgern  einen  Achtfachcardzugang  zur  Verfügung  zu  stellen,  zu  verdanken  ist,  dass  heute  der Haupthandelsumsatz  online  abgewickelt  wird.   Dabei  nutzen  bis  heute  viele  keinen  Computer  für  den  Onlineeinkauf.  

Die  Zeit  bis  17. 00  Uhr  verging  wie  im  Fluge.   Kurze  Telefonate,  Beantwortung  von E – Mails  und  R – Faxen  und  weitergeleiteten  Userbeiträgen,  welche  möglicherweise  für  die  Weiterentwicklung  der  Konzepte  interessant  waren,  strittige  Beiträge  in  Communities  u. s. w.   .   Um  22. 00  Uhr  würde ich  den  zweiten  Teil  meiner  Arbeit  bis  2. 00  Uhr  erledigen.   Zwischen  2. 00  Uhr  und  7. 00  Uhr  bearbeitete  nur  ein  kleines  Team  von  Mitarbeitern  die  Anfragen  der  finder – Redaktion,  Community – und  Servicemanager.  

„Denkst  Du  daran,  dass  wir  noch  im  Leclerc  einkaufen  wollten?“ 

Nun  riss  mir  doch  der  Geduldsfaden.   Natürlich  konnte  Brigitte  das  R – Fax  an  den  Schulrat  noch  bis  1  Minute  vor  24. 00 Uhr absenden.   Behörden  hatten  das  Recht,  den  Empfang  eines  R – Faxes  unter  Vorbehalt  automatisch  zu  bestätigen,  doch  wollte  sie  wirklich  bis  zur  letzten  Minute  warten,  um  mich  mit  den  unveränderbaren  Konsequenzen  zu  konfrontieren?  Das  konnte  nur  bedeuten,  dass  sie  sich  bereits  für  den  Schuldienst  entschieden  hatte  und  gegen  mich!  Karlsruhe  hatte  schließlich  nicht  den passenden  Liegeplatz  für  ein  33m  langes  Frachtschiff.    

Jetzt  wurde  ich  wütend.   Als  Brigitte  mich  nach  dem  Schlüssel  für  den  Smart  fragte,  müffelte  ich  sie  nur  an.  

„Ist  was?“  fragte  sie  offensichtlich  erstaunt.  

„Tu  nicht  so,  du  weißt  genau  was  ist. “ 

„Weiß  ich  nicht,  warum  bis  Du  sauer?  Ist  mit  Dagmar  was  schief  gelaufen?  Die  war  heute  wirklich  sehr  gestresst. “  Sie  merkte  wohl,  dass  ich  immer  wütender  wurde.   „Ich  weiß  es  wirklich  nicht,  was  ist  los?“

„Heute  ist  der  Tag“.  

„Welcher  Tag?“  

„Der  Tag  der  Entscheidung  wegen  dem  Schuldienst“.

Einen  Moment  lang  schaute  sie  mich  ungläubig  an,  dann  prustete  sie  plötzlich  los.   „Ich  hab  denen  doch  schon  vor  Wochen  geschrieben,  dass  ich  nicht  wiederkomme.   Hast  du wirklich  geglaubt,  ich  lass  dich  einfach  so  im  Stich  mit  dem  Kahn  und  allem?“

Normalerweise  hätte  ich  ihr  den  Kahn  sehr  übelgenommen.   So  aber  war  ich  nur  noch  glücklich.   Wir  gaben  uns  einen  sehr  langen  Kuss,  bevor  wir  endlich  in  den  Smart  stiegen.    

Unser Vorschlag zu Ihrem Handlungsstrang: Hatten Sie selbst schon vor 2001 eine Idee, deren Umsetzung alles verändert hätte? Schreiben Sie doch eine kleine Geschichte. Der Zusammenstoß anderer Akteure mit dem Einkaufswaren der Frederichs im Leclerc reicht, um die Handlungstränge zu verbinden!

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