Der Entscheider – Friedrichshafen – Juni 2005, 4.Teil, Kapitel I

Willi  Kaminski  stand  auf  und  stellte  entnervt  fest,  dass  sie  noch  immer  da  war.   Dass  Frauen  nie  merkten,  wenn beim  Onenightstand  das  Frühstück  nicht  inbegriffen  war.   Inzwischen  langweilte  ihn,  dass  er  alles  haben  konnte,  was  er  wollte.  

Er  hatte  alles  erreicht,  was  man erreichen  konnte,  er war  CEO  des  FINDERS  – Konsortiums,  welches  über  50%  des  deutschen  Handelsvolumens  begleitete  –  wie  es  so  schön  neudeutsch  hieß. Das  war  nicht  immer  so  gewesen.   Er  tat  alles  dafür,  dass  nie  die  Sprache  auf  seine  Jugend  kam.   Aufgewachsen  war  es  als  Sohn  eines  Bergmanns  in  einem  schmuddeligen  Vorort  von  Saarbrücken.   Er  hatte  hart  arbeiten  müssen,  um  hierhin  zu  kommen.   Andere  waren  der  Meinung,  dass  es  einige  Eigenschaften  gab,  die  ihm  geholfen  hatten,  für  die  er  eigentlich  nichts  konnte.   Dazu  gehörte  seine  Größe  von über  zwei  Metern  genauso,  wie  sein  makelloses  Äußeres  und  sein  muskulöser  Körper.   Schon  früh  hatte  er  begriffen,  dass  alles  um  ihn  herum  auf  Schau  aufgebaut  war.   Bei  den  Prügeleien  in  der Nachbarschaft  gewann  letztendlich  immer  der,  der  die  wenigste  Angst  zeigte.   Eigentlich  hatte  Kaminski  immer  Angst  gehabt,  Angst  dass  jemand  herausfand,  wie  wenig  er  eigentlich  selbst  darüber  wusste,  warum  er  immer  Erfolg  hatte  und  heute  eine  solch  wichtige  Position  einnahm.   Desto  höher  er  stieg,  umso  größer  wurde  die Angst.   Mit  seiner  Angst  steigerte  sich  in  gleichem  Maße  sein  Abstand  zu  seinen  Mitmenschen.   Diesen  erschien  die  Distanz  als natürliche  Reaktion  des  Einsamen  an  der  Spitze.    

Aber  das  war  es  nicht.   Kaminski  hatte  sich  selbst  verloren  und  spielte  nur  noch  die  Rolle,  die  er  immer  gespielt  hatte,  sorgsam  bedacht,  keinen  Fehler  zu machen.   Diese  Rolle  war  ihm  auf  den  Leib  geschnitten.  

Solange  er keine  Entscheidung  traf,  machte  er keinen  Fehler.   Entscheidungen  trafen  andere.   Waren  die  Entscheidungen  richtig,  so  waren  es  die  Entscheidungen  von Willi  Kaminski.   Waren  die Entscheidungen  falsch,  so waren  es die Entscheidungen  anderer.  

Diese  Angst  beherrschte  Willi  Kaminski  so,  dass  kein  weiteres  Gefühl  Platz  hatte,  nicht  einmal  eine  Vorliebe,  ein  Hobby  hätte  er  benennen  können,  wenn  er  ehrlich  geantwortet  hätte.   In  Presseinterviews  war  seine  Vita  natürlich  perfekt,  gespickt  von privaten  Geschichtchen,  welche  er  entweder  bei  anderen  aufgeschnappt  oder sich  von  einem  seiner  PR  – Berater  hatte  erfinden  lassen.   Willi  Kaminski  hatte  das  Talent,  zur  richtigen  Zeit  am  richtigen  Ort  die  richtigen  Leute  kennenzulernen.   Auch  dafür  konnte  er  eigentlich  nichts.   Es  war  so  und  er  ging  davon  aus,  dass  es  auch  in  Zukunft  immer  so  sein  würde.  

Er  schaute  aus  dem  Fenster  des  6.   Stocks.   Der  Ausblick  reichte  bis  zur  gegenüberliegenden  Seite  der  Bodensees.   Es  sollte  ein  schöner  klarer  Sommertag  werden.   Sie –  ihren  Vornahmen  hatte  er  vergessen  -zog  sich  umständlich  an,  wohl  immer  noch  in  der  Hoffnung,  zum  Frühstück  eingeladen  zu  werden. Das  Telefon  klingelte.  

„Ja“  Kaminski  hatte  auch  gelernt,  dass  Leute  die  wenig  sagen,  wenig  falsch  machen  können und  man ihnen  gleichzeitig  unterstellt,  dass  sie  viel  denken,  bevor  sie  etwas  sagen.  

„Ja,  ik  bin`s  Willi,  der  Christoph,  ik  hab  da  ne  Idee. “  Es  gab  wenige,  die  sich  mit  Kaminski  duzten.   Keiner  sonst  würde sich  erlauben,  am  Sonntag  Morgen  einfach  wegen  einer  neuen  Idee  anzurufen.   Normalerweise  hätte  Kaminski  mit  einem  „Es  geht  gerade  nicht“  das Gespräch  beendet.   Aber  Kaminski  war  sehr  wohl  bewusst,  was  er  Christoph  Wolff  alles  verdankte  – genaugenommen  wäre  er  heute  ohne  Christoph  nicht  CEO  von FINDERS.   Außerdem  hatte  es  überhaupt  keinen  Sinn  vor  Christoph  eine  Schau  abzuziehen.   Christoph  Wolff  war  der geborene  Untertan.   Sein  Verhalten  hätte  auch  bei  einem  entsprechenden  Auftreten  Kaminskis  nicht  untertäniger  sein  können.     

Dies  entpuppte  sich  für Christoph  als  Vorteil,  weil  Christoph  vielleicht  der  einzige  Mensch  war,  der  Kaminski  so kannte,  wie  er war,  ohne  eigene  Ideen  und  Gefühl  für  andere,  aber  mit  dem  untrügerischen  Instinkt  für  den  richtigen  Moment.   So  hatte  Kaminski  immer  gewusst,  ohne  darüber  nachdenken  zu  müssen,  welche  der  meist  guten  Ideen  von  Christoph  auch  zum  richtigen  Zeitpunkt  kamen,  um  am  Markt  umgesetzt  zu  werden.   Die  meisten  Ideen  von  Christoph  mussten  warten,  oft  viele  Jahre.

Außerdem  kannte  Kaminski  Christophs  Lebensgeschichte  und  wusste,  dass  Christoph  Wolff  auch  in  Zukunft  die  Last,  welche  ihm  von  seinen  Vorfahren  auferlegt  worden  war,  nicht  abstreifen  konnte.  

Wolff  stammte  aus  einem  alten  ostpreußischen  Geschlecht  von Gutsbesitzern  und  Juristen.   Wohlgemerkt  Juristen,  keinen  Rechtsanwälten.   Auf  diesen  feinen  Unterschied  legten  die  Wolffs  erheblichen  Wert.   Sie  waren  stolz  darauf,  immer  wesentlichen  Einfluss  auf  die Gesetzgebung  genommen  zu haben.   Der  Familien  Stammbaum  ging  in  direkter  Linie  auf  den Christian  Wolff  zurück.   Mit  der  Namensgebung  hatte  man in  Christian,  Christoph  Wolff  entsprechende  Erwartungen  gesetzt.   Den  Rufnamen  benutzte  er  heute  nicht  mehr.     

Christian Freiherr von Wolff (in der Encyclopédie „Chrétien Wolf“) (* 24. Januar 1679 in Breslau; † 9. April 1754 in Halle) war ein bedeutender deutscher Universalgelehrter, Jurist und Mathematiker und einer der wichtigsten Philosophen zwischen Leibniz und Kant. Er zählt zu den bedeutendsten Vertretern des Naturrechts und gilt als eigentlicher Begründer der Begriffsjurisprudenz des 19. Jahrhunderts. Die deutsche Philosophie verdankt ihm ihre terminologische Grundlegung; viele von ihm definierte Begriffe wie „Bedeutung“, „Aufmerksamkeit“ oder an sich wurden später in die Alltagssprache übernommen. Wolff hatte auch maßgeblichen Einfluss auf die preußische Gesetzgebung.

Quelle Wikipedia

Durch  den  zweiten  Weltkrieg  war  seine  Familie  gezwungen,  aus  Ostpreußen  zu  flüchten.   In  Ostberlin  kam  die Familie  bei  Verwandten  unter.   Natürlich  kannte  Kaminski  nicht  die genauen  Details,  aber  Christoph  hatte  sich  einmal  im Suff  seine  ganze  Vergangenheit  von  der  Seele  geredet.   Sein  Vater  war  einfach  nicht  mit  der  veränderten  Situation  klar  gekommen.   Das  Tafelsilber,  einige  wertvolle  Gemälde  und  den Familienschmuck  hatte  er  über  den  Krieg  retten  können.   Nach  dem  Krieg  versuchte  er,  in  der  DDR  einen  seiner  alten  Stellung  entsprechenden  Status  mit  allen  Mitteln  – sprich  Bestechungen  – wiederherzustellen.   Er muss wohl an den ein oder anderen  Falschen  gekommen  sein.   Schließlich  stand  er  vor  Gericht  und  wurde  wegen  zahlreichen  Delikten  wie  Unterwanderung  der  Staates,  Bestechung  etc.   zu  Gefängnis  verurteilt.   Noch  nachdem  er  das  Urteil  vernommen  hatte,  behandelte  er  den  Richter  von oben  herab  und  verwies  auf  zahlreiche  allerdings  in  der DDR  nicht  mehr  gültigen  Gesetzestexte.  

Erst  im  Gefängnis  muss  er wohl  die Unabänderlichkeit  seiner  Situation  erkannt  haben.   Die  Kleidung  ordentlich  über  den  Stuhl  gefaltet,  erhängte  er  sich  noch  in  der  ersten  Woche  mit  seinem  Gürtel.   Einen  Abschiedsbrief  hielt  er  nicht  für  nötig.   Christophs  Mutter  hielt  noch  einige  Wochen  durch.   Sie  wurde  nach  der Verurteilung  ihres  Mannes  in  einer  Landwirtschafts – LPG  zur  Arbeit  verpflichtet.   Man  vergaß  dabei  nicht,  die  LPG  ausführlich  über  ihre  Vergangenheit  zu  unterrichten.   Nach  mehreren  vergeblichen  Versuchen,  das  neue  Gesinde  anzuweisen,  flüchtete  sie  sich  in  den  Wahnsinn  und  wurde  innerhalb  von  kürzester  Zeit  in  eine  geschlossene  Anstalt  eingewiesen. Nach  der  Wende  hat  Christoph  sie  wohl  noch  einmal  als für ihn  völlig  fremde  Frau  wiedergesehen.   Christoph  selbst  wuchs  in  sozialistischen  Heimen  auf,  wobei  man ihm  als  ehemals  Privilegiertem  alle  für  eine  Karriere  nur  erdenklichen  Steine  in  den  Weg  legte.    

Regelmäßig  wurde  er  zur  Staatssicherheit  zitiert.   Diese  begutachtete  jedes  Jahr  neu,  ob  am  Sohn  ähnliche  Tendenzen  wie  beim  Vater  festzustellen  seien.   Nur  seiner  außergewöhnlichen  Intelligenz  hat  er es zu verdanken,  dass  er es zur  nicht  studierten  Hilfskraft  eines  Leipziger  Linguistikprofessors  brachte. Hier lernte  Kaminski  ihn  zufällig  1999  kennen.   Also  antwortete  Kaminski  geduldig:  „Erzähl“.  

„Wir  können die Finder  für  viele  der  anderen  europäischen  Sprachen  auch  benutzen,  wir  müssen  nur  den  Pointer  anders  setzen. “

Kaminski  gab  sich  erst  gar  nicht  die  Mühe,  Christoph  zu  verstehen.   Es  reichte,  dass  Christoph  eine  Idee  hatte,  den  Zeitplan  der  Agenda  2010  zur  Übertragung  des  finder – Konzepts  in  den englischen,  französischen,  italienischen,  spanischen,  portugiesischen  und  niederländischen  Sprachraum  einzuhalten.   Wer  konnte  schon  verstehen,  was  in  Christopf  vorging.   Was  interessierte,  war  das  Endergebnis  und  das  war  bei  Christoph  immer  in  Ordnung.

Darum  fragte  er  nur:  “Das  ist  ausgezeichnet  Christoph.   Du  überraschst  mich  immer  wieder.   Brauchen  wir ein  neues  Patent?“

„Nein,  nach  meiner  Meinung  deckt  das  Patent  aus  1999  alle  Ideen  ab.“

 „Möchtest  du  vorbeikommen  oder reicht  es,  wenn  wir  Montag  drüber  reden“.

 „Montag  reicht“.  

„O. k. ,  ich  ruft  dich  Montag  am  Morgen  an.   Danke  dass  du mich  direkt  informiert  hast.   Genieß  ein  wenig  dein  Wochenende. “   

Ihre Handlung: Erfinden Sie doch andere Details aus der Vergangenheit von Woff. Hier könnten Sie einen weiteren Kreativen einführen, der Ihre eigenen Ideen entwickelt und später von Wolff Kaminski vorgestellt wird.

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