Ruhe bewahren! ibank, Wall Steet – 19. Dezember 2008, Kapitel 25-Teil II

Levis hatte erst von 8 Monaten bei der ibank angefangen. Damals standen die Zeichen schon auf Sturm. Lange hatte er von einem Büro mit einer solchen Aussicht geträumt. Im zweiten Stock hatte er zwar keine Weitsicht. Aber er konnte direkt auf die Wall Street sehen.
Als Isabella ihn das erste Mal in seinem neuen Büro besucht hatte, war sie von der Wall Street ein wenig enttäuscht. Natürlich waren die Gebäude beeindruckend. Aber die Straße hatte sie sich breiter vorgestellt.
Levis störte das nicht. Für ihn war dies der Platz, an dem alle Banker sitzen wollten und er saß hier. Er hatte hart gearbeitet, um mit seinem einfachen Abschluss als Bankkaufmann weiterzukommen. Er hatte es im Gefühl, dieser Platz würde ihm nicht sein Leben lang erhalten bleiben. So genoss er es jede Minute, hier zu sein.
Sein Blick fiel auf die andere Straßenseite.
Beim Juwelier war in den letzten Wochen immer weniger los.
Gelegentlich traf er mittags die brünette Goldschmiedin. Grundsätzlich optimistisch, war sie in letzter Zeit ziemlich kleinlaut, wenn Levis sie auf ihre Geschäfte ansprach.
Neuerdings konterte sie mit „Und Deine?“
Woraufhin er immer nur mit den Schultern zuckte.
Sein Blick schweifte weiter auf den in der Ferne sichtbaren BMW Showroom. Auch hier waren immer weniger Besucher zu sehen. Die Menschen hatten einfach andere Probleme.
Ach ja, Isabella war so schrecklich vernünftig. Natürlich war er der Meinung gewesen, sein neuer Job böte den optimalen Anlass für ein neues Auto. Warum keinen BMW – auf Leasing – damit man immer das neueste Modell hatte. War es nicht praktisch, dass man nur über die Straße gehen musste, um sein nächstes Auto zu bewundern? Isabella würde als Deutsche doch sicher ein deutsches Auto schätzen.
Als er eine Woche nach Antritt seiner neuen Position Isabella diesen wundervollen Vorschlag mitteilte, war Isabella fast ausgeflippt.
„Bist Du denn verrückt? Du hast gerade mal den Job bekommen. Die haben Dich nur genommen, weil ein Großteil Deiner Vergütung aus Aktienoptionen besteht.“
Heute wusste er, Isabella hatte recht gehabt. Denn sein Schreibtisch war fast leer. Das Telefon klingelte immer seltener.
Zwar war die ibank breit aufgestellt. Sie beschäftigen sich in erster Linie mit Mittelstandskrediten. Nicht, dass die Nachfrage nach Krediten weniger geworden war. Im Gegenteil, große Teile des Mittelstands waren inzwischen in ihrer Existenz gefährdet, weil keine Kredite mehr vergeben wurden.
So ward es seine Hauptbeschäftigung geworden, staunenden Kreditnehmern zu erklären, wie das Bankgeschäft funktioniert. Kein Kunde schien sich hierüber jemals Gedanken gemacht zu haben.
„Haben Sie sich schon mal überlegt, wie eine Bank 25 % Eigenkapitalrendite erwirtschaften kann, wenn sie von Ihnen nur 6 % Zinsen nimmt?“
So begann Levis üblicher Weise seine Belehrung. Natürlich hatte sein Kunde darüber nicht nachgedacht. War ja auch bequem. Wenn es schief ging, war so nur die Bank schuld. Die hätte schließlich aufklären müssen.
„Nun, die Bank hat Sparer, welche ihr Geld anlegen. Der Unterschied zwischen 3,5 % Zinsen für den Sparer und 6 % Zinsen für Ihren Kredit sind 2,5 % nicht 22,5 %, richtig?“
„Ja stimmt“, gab der Kunde meist widerwillig zu.
„Wenn wir 10.000 Dollar als Geldanlage einnehmen, verleihen wir 100.000 Dollar. Wir erhalten 25 % Rendite auf unser Eigenkapital, weil wir uns das meiste Geld zu guten Konditionen von anderen Banken leihen. Den Banken verpfänden wir dabei die von unseren Kunden gewährten Sicherheiten. Nach dem es so viele faule – also zu gering besicherte – Kredite gibt, bekommen auch wir keinen Kredit mehr von anderen Banken, weil man uns nicht glaubt, dass die dafür von uns weitergegebenen Sicherheiten einen Wert haben.“
Inzwischen kam Levis sich wie im Callcenter einer Reklamationsannahme vor. Die Reaktionen wurden immer wütender.
Die Leute verstanden einfach nicht, dass eine Bank unmöglich selbst alles Geld immer besitzen konnte, was sie verlieh. Obwohl die ibank so gut wie keine faulen Kredite mitschleppte, wartete Levis jeden Tag auf seine Kündigung. Die Neuen ohne Kinder mussten zuerst gehen.
Die Presse tat ein Übriges, um die Stimmung anzuheizen. Die Hysterie hatte sich inzwischen verselbständigt. Geschäfte zwischen den Banken fanden kaum mehr statt, weil die Banken sich gegenseitig nicht mehr trauten. Der große Crash stand jedoch noch bevor. Der Rückversicherungsfond, der weltweit alle Ausfälle auffangen sollte, war auf 2.000 Milliarden Dollar begrenzt. Dem standen Kredite in Höhe von über 50.000 Milliarden Dollar gegenüber. Die halbherzigen Angebote der Regierungen, die faulen Kredite aufzukaufen, verhinderten zwar vorerst manche Bankpleite und machte denen Hoffung, die immer noch alles glauben wollten oder gnadenlos zockten. Nachdem die Regierungen mehrfach nachbessern mussten, glaubte ihnen die Mehrheit der Sparer nicht mehr. Aber Banken konnten nur überleben, wenn sie immer neue Geschäfte machten und man ihnen sein Geld anvertraute.
Levis machte sich keine Illusionen, spätestens im Januar würde der große weltweite Zusammenbruch kommen – wenn kein Wunder geschah.
So schien es auch die US-Regierung zu sehen.
Kurz vor Büroschluss las Levis in der seitlichen Informationsleiste seines PC´s:

Regierung ordnet Schließung aller Banken ab sofort bis zum 5. Januar 2009 an. Der Handel an der Nasdaq wird solange ausgesetzt.

Irgendwie wollte bei Levis keine richtige Weihnachtsstimmung aufkommen. Sie hatten beschlossen, sich dieses Jahr nichts zu schenken.
Schulden hatten sie nicht. Das bisschen Kapital, was sie auf die Seite legen konnten, hatten sie in Trinkwasseraktien und Gold investiert.

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