Politik der Gewinner – G8-Gipfel ,Kapitel 16 – Teil II

Ja, ich Ole Frederichs war dabei. In Vorbereitung auf die Frankreichgespräche hatte sich die Bundesregierung mit der vom FINDERS -Konsortium erstellten Frankreich-Akte beschäftigt und war dabei auf meinen Namen gestoßen. Als Mann aus der Praxis sollte ich nun bei den Gesprächen dabei sein. Schließlich war ich es ja gemäß des Protokolls von Kaminski gewesen, der den entscheidenden Hinweis gegeben hatte, dass ohne politische Unterstützung der jeweiligen Länder, eine flächendeckende Einführung der Technologien des FINDERS-Konsortiums nicht zu machen ist.
 
Es war kein Zufall, dass Kanzlerin A sich am zweiten Abend des G8-Gipfels mit Sarkozy in kleinster Runde im Besprechungsraum des Grand Hotels traf.
Eine warme leichte Brise Meeresduft strich durch den Raum. Die Fenster hin zur Ostsee waren geöffnet und gaben einen Blick auf den Steg frei, der nahtlos ins Meer zu verschmelzen schien. Nur die Polizisten mit Maschinenpistolen störten das Bild.
 
Das Gespräch war lange vorbereitet worden. Es ging darum, Frankreich dafür zu gewinnen, ebenfalls den Briefverkehr auf TFax-Standard digital umzustellen und das Erfolgsmodell Deutschland auf Frankreich zu übertragen.
 
Neugierig beobachtete ich Müller. Bisher hatte sich nur einmal ein Anlass ergeben, mit dem neuen CEO von FINDERS zu telefonieren. Persönlich hatte ich ihn noch nicht kennen gelernt.
 
Tatsächlich hatte Frankreich einen enormen Reformbedarf.
Die Arbeitslosigkeit war hoch und die Wirtschaftsentwicklung stagnierte. Sarkozy schien der richtige Mann zu sein, um die Erfolgsstory Deutschland zu wiederholen. Aber Sarkozy  war vor allem eins, er war Franzose und Patriot.
Für ihn kam nur eine französische Lösung in Frage. Natürlich hatten beide Verhandlungspartner vorher die Interessenslagen ausgelotet.
Beide Seiten standen unter extremem Druck. Für die Deutschen war die Agenda 2010 gefährdet, wenn das Erfolgskonzept nicht zügig exportiert wurde. Für die Franzosen gab es eigentlich keine Alternative zur deutschen Finder – Lösung.
Die meisten Suchmaschinenanbieter hatten sich in Deutschland inzwischen auf einen Bereich spezialisiert. Es gab nun eine Suchmaschine für den gesamten technischen Bereich, eine Suchmaschine für Universitätsrecherchen und Spezialsuchmaschinen für Politik, etc.. Die einzelnen Kategorienagenturen entschieden, mit welchen Suchmaschinen sie zusammenarbeiteten. Dafür, dass diese Suchmaschinen weitgehend auf Werbung verzichteten, erhielten sie einen Anteil am Umsatz, abhängig von der Anzahl der aufgerufenen Suchergebnisse.
 
Eine Ausnahme bildete Google. Diese Suchmaschine hatte mit ihrem Rankingverfahren einen solchen weltweiten Erfolg, dass sie in einigen Ländern über 90 % Marktanteil lag. In Deutschland lag der Marktanteil auf Grund der starken Präsenz von FINDERS bei unter 40 %. Überwiegend wurde Google in Deutschland zum Aufruf von Informationen über Personen genutzt.
 
In Frankreich hatte Google immerhin über 60 % Marktanteil.
Google war für Sarkozy unakzeptabel. Nachdem Google begonnen hatte, die französische Nationalbibliothek einzuscannen, gab es bereits seit 2005 eine französische Initiative, einen eigenen Weg zu gehen.
„Herr Präsident, wir müssen uns hier nicht in Details verlieren. Wir beide wissen, dass eine Zusammenarbeit unserer beiden Länder sich auf die gesamte inhaltliche Strukturierung Europas positiv auswirken wird. Ich denke, die Ihnen vorliegenden Zahlen belegen eindeutig, dass auch Frankreich ein erhebliches Wirtschaftswachstum durch die Übernahme des Gesamtkonzepts erreichen wird.“
„Frau Bundeskanzler, sicherlich sind die von Ihnen vorgelegten Zahlen beeindruckend. Allerdings letztendlich entscheidet der französische Wähler. Sie wissen sicher, dass bereits viele Franzosen das Zusammenwachsen von Ost- und Westdeutschland sehr kritisch gesehen haben. Wenn nun auch noch technologisch der Einfluss von Deutschland auf den Kernbereich der Informationsgesellschaft zunimmt, wird in unserem Land gegenüber dem FINDERS-Konsortium eine ähnlich abwehrende Haltung entstehen, wie bereits jetzt gegen Google.“
„Herr Sarkozy, ich verstehe Ihre Einwände sehr gut. Aber betrachten Sie doch einmal das weltpolitische Bild. Nach der Annäherung der Blair-Regierung an die USA müssen wir Europa zusammenhalten. Frankreich und Deutschland können in der EU gemeinsam viel bewegen.“
Sich Deutschland unterzuordnen, das zeigte Sarkozys ganze Körpersprache, über diesen Schatten schien er nicht springen zu können.
Dies schien auch die Bundeskanzlerin zu merken. Es war nicht akzeptabel, dass die Vereinbarung im letzten Moment noch platzte. Schließlich ging es Kanzlerin A um ihr Lieblingsthema – um die weltweite Reduzierung von CO2.
Über die weltweite  Reduzierung des Briefverkehrs konnte man gleichzeitig den Strukturwandel beschleunigen, weil durch die Kategorien des FINDERS-Konsortiums alle Unternehmen ihre Marktpositionen neu strukturieren und optimieren mussten. Die Reduzierung von über 5 % CO2 Ausstoß durch Optimierung von Logistikprozessen und des Briefverkehrs wurde dabei ein höchst willkommener Nebeneffekt.
 
„Also gut, ich schlage vor, beide Seiten ziehen sich für 30 Minuten zur Beratung zurück“, Kanzlerin A wirkte ein wenig erschöpft.
Die deutsche Delegation mit Vizekanzler G (G stand für „gerade heraus“) zog sich ins Nebenzimmer zurück.
„Also, wo stehen wir?“ Kanzlerin A wirkte angespannt.
„Über den Preis für 30 % des FINDERS-Konsortiums sind wir uns hoffentlich jetzt einig“.
Tatsächlich waren wir den Franzosen soweit entgegengekommen, dass ein Konsortium aus France Telekom, PTT La Poste und einigen kleineren Unternehmen 30 % – wenn auch zu einem überhöhten Preis – kaufen konnten.

„Die Forderung von Sarkozy, das FINDERS-Konsortium nach Frankreich zu verlegen und eigene französische Kategorienlizenzen zu erhalten, ist einfach lächerlich“, schnaubte Müller. „Was soll werden, wenn jedes Land, in welches wir expandieren, die Mehrheit an uns erwerben will? So geht das nicht!“

„Herr Müller, jetzt mal langsam. Der Kaufpreis ist mehr als angemessen. Die Stimmenmehrheit bleibt beim deutschen Konsortium.  Wenn ich noch die Folgegeschäfte in den Bereichen Telekommunikation und Umwelttechnik mit einbeziehe, machen wir Deutschen hier eindeutig das bessere Geschäft.“
„Zugegeben, der Börsenwert wird explodieren, aber wir setzen hier das falsche Signal für die Expansion.“ Müller schien mutiger oder gieriger zu sein als Kaminski. Jedenfalls war mir nicht bekannt, dass es Kaminski gewagt hätte, sich so offen mit der Regierungsspitze anzulegen.
„Also gut Müller, für mich ist wichtig, dass das Know How Zentrum – sprich die Semantikredaktion – in Deutschland bleibt. Nur so können wir ‚Made in Germany’ weltweit voranbringen. Was will der FINDERS -Vorstand?“
Müller musste nicht lange überlegen: „Uns ist wichtig, den Kurs weiter bestimmen zu können. Das heißt, die Aktienmehrheit soll weiter bei den Altgesellschaftern bleiben.“
Kanzlerin A in die Runde: „Irgend jemand eine Idee?“
Ein mir unbekannter Wirtschaftsberater ergriff das Wort: „Wenn wir bestimmen, dass weitere Verkäufe im Verhältnis der jetzt vereinbarten Gesellschaftsanteile erfolgen, haben wir ein skalierbares Modell. Man muss dies ja nicht in der Öffentlichkeit kommunizieren. Beide Länder stehen in der Öffentlichkeit als Sieger der Verhandlung dar.“
 
Niemand konnte sich vor der Koalitionsbildung vorstellen, das Oppositionsführer G sich nach seiner langjährigen Position als Erster in der Opposition nun als Vize einordnen würde. Jedoch G hatte mit den Bereichen Wirtschaft und Finanzen ein mächtiges Superministerium unter sich. Überraschender Weise funktionierte das Duo hervorragend.
 
Gelb hatte, damals noch in der Opposition, die Gründung des FINDERS-Konsortiums scharf als Monster-Quasi-Behörde verdammt. Inzwischen waren die Erfolge von FINDERS unter den Regierungsparteien jedoch unstrittig. Es gab keine Alternative zur Entwicklung einer voll digitalisierten Gesellschaft. Hier war es das kleinere Übel, wenn man zentral für alle durchschaubare Regeln und Kontrollmöglichkeiten installierte. Wenn die Manipulationsmöglichkeit des Internets nicht eingeschränkt würde, wäre die Gefahr groß, dass eines Tages alles außer Kontrolle geriete und man die Probleme nur noch mit der harten Hand eines Überwachungsstaates in den Griff bekam. Da war es besser,  die am Trusted Internet Beteiligten eindeutig zu identifizieren, aber diesen auch weitgehende technische und rechtliche Möglichkeiten zu geben, gegen unberechtigte Schnüffeleien –insbesondere von Behörden – vorzugehen.
Schließlich entwickelte sich die Aufteilung aller Bereiche in Kategorien immer mehr zum Fundament für die wirtschaftliche Entwicklung des Mittelstands. Gemeinsam konnte man global immer schlagkräftiger auftreten.
 
Vizekanzler G meldete sich zu Wort: „Wir ziehen nur mit, wenn der Aufsichtsrat wie bisher von den Kategorienagenturen gewählt wird und alle Agenturen Inhaber geführt sind.“
Die Bundeskanzlerin nickte dem Vizekanzler bestätigend zu und fragte: „Einwände?“ Als keiner etwas sagte: „Nun, dann unterstützen wir diese Position. Der Bundestag hat in dieser privatwirtschaftlichen Angelegenheit ja kein Mitspracherecht.“
Wer erwartet hatte, dass die Verhandlungen jetzt schnell zu Ende waren, sah sich getäuscht. Die halbe Nacht wurde heftig diskutiert, bis schließlich ein weiterer Kompromiss für die Franzosen gefunden wurde.
Das französische Konsortium bekam das Recht, unabhängig vom FINDERS-Konsortium für Frankreich eigene Lizenzen zu vergeben.
 
Als einziger Praktiker hatte ich hier doch noch das Wort übernommen und hatte es tatsächlich geschafft, dass alle französischen Kategorien in ihrem Umfang den deutschen Kategorien entsprechen mussten. Fast 30 Minuten hatte ich referiert – ich war über mir selbst überrascht, dass ich so etwas konnte.
Schließlich war allen klar, wie wichtig es war, dass die Kategorien der einzelnen Länder untereinander kompatibel waren. Nur so hatten Spezialisten die Möglichkeit, sich global zu positionieren, ohne in jedem Land eine eigene Lösung anbieten zu müssen.
Auch würde es den europäischen Gedanken weiter nach vorne bringen, wenn in jedem europäischen Land in Zukunft die gleichen Kategorienstrukturen zu finden wären. Jeder Europäer würde noch leichter zwischen den einzelnen Ländern wechseln können. FINDERS verpflichtete sich, die Kategorien in alle EU-Sprachen zu übersetzen.
 
Todmüde verließ ich am frühen Morgen den Besprechungsraum.
Es wurde schon hell. 
Ich fand gerade noch den Weg in mein Zimmer, ließ meinen Anzug auf den Boden fallen und schlief zufrieden ein.

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