Der Entscheider – Friedrichshafen – Juni 2005, 5.Teil, Kapitel I

Sie  war  gegangen,  wie  ihn  ein  Blick  durch  sein  Loft  überzeugte.   Kaminski  wollte  alles  immer  schön  übersichtlich  in  seinem  Leben.   Als  er  1995  in  Hamburg  Geschäftsführer  eines  Internetproviders  geworden  war,  da  gab  es  nur  einen  Platz,  der  für  erfolgreiche  Jungunternehmer  angesagt  war,  ein  Loft  im  Hamburger  Hafen,  damals  noch  für umgerechnet  lumpige  2000,–  Euro  je  qm  zu  haben.   Eigentlich  sah  Friedrichshafen  erst  wie  ein  Abstieg  aus.   In  einer  kleinen  Stadt  Geschäftsführer  einer  Firma,  die  niemand  kannte  und  an  der  fast  alle  in  Friedrichshafen  wichtigen  Akteure  wie  z. B.   Dornier  Anteile  hielten,  war  nun  wirklich  nicht  vergleichbar,  mit  dem Geschäftsführer  eines  Großstadtproviders.   

Wenn  man  einen  Job  nicht  haben  will,  stellt  man Bedingungen,  welche  nicht  erfüllbar  sind.   Wenn  sich  der  Grund  der  Absage  herumspricht,  steigert  das  den  eigenen  Markwert.   Kaminski  konnte  also  nur  gewinnen.   Er  forderte  ein  mit  Hamburg  vergleichbares  Loft  und  20%  Anteile  an  der  Firma.   Er  bekam  die Zusage  umgehend.   Ehrlich  gesagt,  so  ungelegen  kam  Kaminski  der Wechsel  nicht.   Die  Umsatzzahlen  waren  meilenweit  von den Sollvorgaben  entfernt.   Wenn  Kaminski  auch  vom  Providergeschäft  wenig  Ahnung  hatte  -schließlich  ging  es ja  nur  um  die üblichen  kaufmännischen  Entscheidungen  –  so entging  ihm  nicht,  dass  1999  bereits  die  Konsolidierung  begann.   Die  Großen  schluckten  die  Kleinen.   Ein  Regionalprovider  konnte  hier  langfristig  nicht  mithalten.   Was  das  Loft  betraf,  so  zauberten  die  Friedrichshafener.   Zwar  war  es nur  ein  50er  Jahre  Bau,  aber  die Wohnung  im 5.   Stock  stand  mit  ihrem  Blick  über  den  Bodensee  der  Hamburger  Wohnung  in  nichts  nach.   Nachdem  einige  Wände  entfernt  worden  waren,  war  die  Wohnung  auch  innen  kaum  vom  Loft  in  Hamburg  zu unterscheiden.   Der  Preis  war  konkurrenzlos  und  war  bei  weitem  niedriger  als  die  4000,  Euro  je  qm,  welche  er  beim  Verkauf  seines  Hamburger  Lofts  erzielte.  

Er  war  sogar  ein  bisschen  froh.   Schließlich  hatte  mal  ein  Kollege,  den er für kompetent  hielt,  zu ihm  gesagt:“  Na,  wenn  man Global  2000  glaubt,  dann  musst  du in  ein  paar  Jahren  ein  Boot  nehmen,  wenn  Du  in  Deine  Wohnung  willst. “   

Kaminski  hatte  sich  nie  für  Umweltprobleme  interessiert.   Die  Beschäftigung  mit  Themen,  welche  nicht  aktuell  anstanden  oder ihn  nicht  unmittelbar  betrafen,  betrachtete  er  als  Zeitverschwendung.

Jedoch  hatte  gerade  die Fähigkeit,  Dinge  nicht  zu  bewerten,  Kaminski  vor  Fehlentscheidungen  bewahrt.   Wenn  man seine  Wohnung  gut  verkaufen  konnte  und  es  die  Möglichkeit  gab,  dass  später  kein  höherer  Verkaufspreis  zu  erzielen  war,  dann  verkaufte  man eben.  

Warum  die  Friedrichshafener  so scharf  auf  ihn  waren?  Nun,  eigentlich  war  eine  geschönte  Pressemitteilung  schuld.   Er  wurde  in  einer  überregionalen  Wirtschaftszeitung  zum  „Kreativen  Manager  des  Jahres“  gewählt.   Die  Auswahl  wurde  einzig  und  allein  auf  Basis  der Analyse  verschiedenster  Interviews  mit  Managern  getroffen,  durchgeführt  von  einem  anderen  Medium  der gleichen  Unternehmensgruppe.   Wie  üblich  hatte  Kaminski  verschiedenste  von  seinen  PR  Beratern  vorbereitete  Anekdoten  und  Statements  eingefügt.

Kaminski  zog  sich  an  und  ging  zum  Frühstück  in  die  Altstadt  in  sein  Stammlokal.   Kaum  hatte  er  bestellt  und  seine  Wirtschaftszeitung  aufgeschlagen,  da  klingelte  sein  Handy.  

„Ja“  Kaminski  schaffte  es durch  den Tonfall,  mit  dem  er  diese  zwei  Worte  aussprach,  Müller  das  Gefühl  zu  geben,  dass  er eindeutig  ein  Anrufer  zuviel  sei.

„Äh,  Müller,  wir  waren  in  ihrer  Wohnung  für  10. 00  Uhr  verabredet.   Wie  sie wissen,  bewerbe  ich  mich  für die Position  des  Leiters  ihrer  Außenvertretung  in  Spanien. “

„Ich  bin  im  Cafe  Zeppelin  bis  11. 30  Uhr.   Diese  Zeit  sollte  für  ein  Kennenlernen  reichen. “

„Gute  Idee  Herr  Kaminski,  Cafe  Zeppelin  sagten  Sie?“  Kaminski  hatte  schon  aufgelegt.   Kaminski  kannte  den Lebenslauf  von  Müller.   Ausgezeichnete  Referenzen,  schnell  nach  oben  gekommen,  aber  wenig  Eigenverantwortung  übernommen,  immer  geschickt  zur  richtigen  Zeit…  Das  könnte  zum  Problem  werden. 

 „Müller,  guten  Tag  Herr  Kaminski.   Es  freut  mich,  Sie  endlich  persönlich  kennen  zu  lernen.   Was  gibt  es  schöneres,  als  für  das  Findens  Konsortium  zu arbeiten“  sagte  ein  gepflegter,  aber  absolut  unauffälliger  Mann.   Das  waren  für  Kaminski  eindeutig  20  Worte  zu  viel.

„Herr  Müller,  warum  wollen Sie  diesen  Job?“

Sichtlich  fassungslos  versuchte  Müller  sich  zu  sammeln.   Sicher,  er  war  es  gewöhnt,  dass  Einstellungsgespräche  nicht  einfach  verliefen.   Aber  diese  Unverschämtheit  –  schließlich  hatte  er  Referenzen.   „Ich  habe  bereits  Erfahrungen  mit  dem Vertrieb  von erklärungsbedürftigen  Produkten  gesammelt.   Wie  Sie  sicherlich  aus  meinen  Unterlagen  bereits  entnommen  haben,  war  ich  sogar  sehr  erfolgreich  verantwortlich  für  den  Vertrieb  einer  Search  Engine  Optimiser  Agentur  tätig. “

 „Herr  Müller,  sehen  Sie  dieses  Jugendstilhaus  auf  der  anderen  Straßenseite?  Stellen  Sie  sich  vor,  ich  würde ihnen  die  Immobilie  für  0,50  Euro  anbieten.   Was  wäre  Ihre  Antwort?“   

 Endgültig  verwirrt  täuschte  Müller  einen  Hustanfall  vor.   Dies  hatte  er  als  letztes  Mittel  für  den  Fall  trainiert,  dass  er  mal  nicht  mehr  weiter  wusste.   Noch  nie  hatte  er  diese  Finte  einsetzen  müssen.   Was  sollte  das?  War  Kaminski  schon  bei  den Gehaltsverhandlungen  angekommen?  Nur  jetzt  nicht  in  die  Falle  tappen.  

„Ich  würde das  Angebot  prüfen“.   Seine  Stimme  hob  sich  einen  Tick  zu hoch  am  Ende  des  Satzes,  so  dass  man das  Fragezeichen  heraushörte.  

„Herr  Müller,  ich  habe  keinen  Job  für  Sie,  aber  eine  Lektion  für´s  Leben:  „Reduzierung  des  Kaufpreises  auf  0,25  Euro  und  ich  werde  die  Qualität  des  Objekts  prüfen. “  Dies  ist  die  einzige  Antwort,  die  ein  Spanienverantwortlicher  gibt,  der  den  angepeilten  Marktanteil  von  über  50%  innerhalb  von  5  Jahren  erreicht“.   Während  Kaminski  noch  sprach,  wendete  er  sich  wieder  seiner  Zeitung  zu.   Das  Gespräch  war  beendet.  

Ihr Handlungsstrang: Beschreiben Sie doch ein wenig mehr über das Leben in Friedrichshafen. Können Sie das Ende dieses Kapitels versöhnlich gestalten, z.B. durch ein schönes Erlebnis, welches Müller wieder aufheitert?      

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