6/11 Der Auftrag – Sztynort , So, 25. August 2013

Meist geht er in der Morgendämmerung mit seinem kleinen Boot Fischen.

Heute lässt er jedoch die Angel in der Ecke stehen. Er zieht sich seine Fischer-hose in Tarnfarben an, unten mit Bundsteg und oben mit Hosenträgern, wie sie selbst die Jungen hier zum Fischen tragen. Einen schwarzen Kapuzenpulli hat er sich gestern Abend noch schnell in Gizycko gekauft, nachdem er endlich wieder mal einen Auftrag erhalten hat, der seine Rente wesentlich aufbessert.
Die Genossen haben ihn also doch nicht vergessen.

Er geht auf die Dorfstraße, die nur aus zwei Reihen von Häusern besteht.
Rechts von ihm, hinter einem Tor, ist das stark renovierungsbedürftige Schloss Steinort. Das Schloss hat es sogar in die ausländischen Fremdenführer zu den Masuren geschafft, und das, obwohl es ziemlich verfallen ist.
Immerhin hatte der letzte Schlossherr Heinrich Graf Lehndorff 1944 beim Hitler Attentat erheblichen Mut bewiesen und war für eine gute Sache gestorben.

Ein wenig beklommen ist ihm schon zu Mute, als er am Schloss vorbei die Marina ansteuert. Denn er weiß nicht, ob er heute eine gute Sache unterstützt.

Sicher, 1000,- Euro sind eine gute Sache für ihn, immerhin mehr als 2 Monate Rente. Davon kann er sich endlich einen guten gebrauchten 5 PS Motor für sein Boot kaufen. Das Rudern wird in seinem Alter schließlich immer anstrengender. Und wer hat heute noch den Mut, etwas zu verändern, geschweige denn, wie Graf Lehndorff sein Leben für seine Überzeugung einzusetzen?
Die Jungen bestimmt nicht, die sind froh, wenn sie einen guten Job und ihre Ruhe haben.
Hier in den Masuren ist er täglich mit dem Kontrast zwischen seinem Leben und dem Leben der jungen Polen konfrontiert, die hier Urlaub machen. Schon 20-jährige chartern sich ein Segelboot und kommen mit deutschen neuen Autos angereist.
Ein Auto kann er sich nicht leisten. Aber mit einem Motor, da kann er dem-nächst sogar zu den guten Fischgründen im Jezioro Kisajno fahren, einfach so und bestimmt über seinen Eigenbedarf hinaus einige Fische verkaufen, um den Sprit zu bezahlen.

Über dem Wasser liegt noch Nebel. Niemand bemerkt ihn, als er den Bootssteg entlang geht. Gestern im Hellen hat er sich gemerkt, wo die Tinca Tinca liegt. Sicherheitshalber leuchtet er mit der Taschenlampe noch einmal den Schriftzug an.

Er steigt über die Reling und findet schnell Backbord den kleinen silbernen Verschluss mit der Beschriftung „Waste“. Den Spezialschlüssel mit den 2 Stiften hatte man ihm gegeben. Der Verschluss lässt sich leicht öffnen. Alles sieht neu und sauber aus.
Mehrfach hat er die ca. 1,5 cm große Kugel in der Hand gehalten und sich gefragt, wofür sie wohl da ist. Erst hat er daran gedacht, dass man den Motor viel-leicht sabotieren will. Aber wie soll das mit einer so kleinen Kugel im Fäkalientank gehen? Oder eine Bombe? Sind 1000,- € doch zu wenig?
Was soll´s, niemand wird ihn sehen. Jetzt ist es sowieso zu spät.
Er lässt die Kugel in den Tank fallen und schraubt den Deckel wieder sorgfältig zu.


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