Das politische Desaster – Welt-Klimagipfel, Bali – Dezember 2007- Kapitel 20, Teil II

Kanzlerin A war immer sehr zielstrebig gewesen. Aber noch im Jahr 2000 hätte sie sich niemals träumen lassen, dass sie jetzt als Bundeskanzlerin ihren Lebenstraum einer optimierten Umweltpolitik als weltweiten Exportschlager umsetzen konnte.
2000 war Kanzler M noch allgegenwärtig. Zur großen Überraschung der eigenen Parteigenossen hatte er dann von einem Tag auf den anderen erklärt, in der Politik alles erreicht zu haben, was man erreichen konnte und nun wichtige Aufgaben in der Wirtschaft übernehmen zu wollen.

Alle Bundestagsmitglieder bestritten später heftigst, dass die anschließende monatelange Debatte unter den Abgeordneten zum Thema „Verdienen Abgeordnete genug?“ als Neiddebatte geführt wurde. Tatsache war jedoch, dass Kanzler M in der Privatwirtschaft monatlich das 10fache und mehr seines Kanzlergehalts verdiente.
Von diesem Schock hatte sich die SPD bis heute nicht vollständig erholt.
So konnte sich nun Kanzlerin A die Agenda 2005, welche eigentlich Kanzler M angestoßen hatte, auf ihre Fahne schreiben.

Nie waren alle Politiker und Wirtschaftsbosse in Frankreich und Deutschland so einig gewesen, wie diesmal.
„Jedem afrikanischen Dorf sein eigenes R-Fax“, war in erreichbare Nähe gerückt. Das Refinanzierungsmodell über das Porto für R-Faxe war auf jedes beliebige Land übertragbar. Dazu kamen langfristige Kredite der Privatwirtschaft. Immerhin würden die Hersteller von Achtcard-Geräten einen riesigen neuen Markt quasi ohne Konkurrenz bedienen können. Es gab bereits einen speziell für Afrika entwickelten wetterfesten Prototyp mit Sattelitentelefon. Natürlich machte das Konzept nur Sinn, wenn jede Familie ihre eigene Achtcard erhielt.
Auch standen viele deutsche und inzwischen auch französische Agenturen mit branchenspezifischen Konzepten in den Startlöchern, welche speziell für Afrika ausgearbeitet worden waren.
Der große Vorteil für Afrika bestand darin, dass die Korruption durch die Authentifizierung der Achtcard wesentlich reduziert werden konnte.
Handel würde durch die schnellen Kommunikationswege enorm beschleunigt.
Die Umwelt würde durch das reduzierte Aufkommen von Briefen und die effektiver organisierte Logistik wesentlich entlastet werden.
Jeder Afrikaner würde nun die gleichen Chancen haben, an der globalen Marktwirtschaft teilzunehmen.
Durch spezielle Patenschaft-Communitys sollten pensionierte Manager beratend jedes afrikanische Dorf erreichen.
Die Kategorien sorgten dafür, dass für jede Aufgabe der entsprechende Spezialist von jedem Dorfbewohnern über umgangssprachliche Fragestellungen gefunden werden konnte.
Natürlich würden Kategorien wie Ernährung, Brunnenbau, Aidsbekämpfung, Energieerzeugung, etc. besonders gefragt sein.
Es war eine eigene Task-Force gebildet worden, um zu definieren, wie man auch die Afrikaner erreichen konnte, welche noch immer erhebliche Probleme mit dem Lesen und Schreiben hatten.
Man hatte z.B. bei einfachen Wassergewinnungsanlagen festgestellt, dass es reichte, gut ausgearbeitete Baupläne zu faxen, damit auch handwerklich geschickte Analphabeten diese Anlagen selbst bauen konnten.
So war die sonst so zurückhaltende Kanzlerin A am ersten Tag des Gipfels nahezu euphorisch. Seit in Heiligendamm die Kooperation mit den Franzosen geklappt hatte, schien sie nichts mehr aufhalten zu können.
Sie hatte einfach die besseren Argumente.

Erst als sie am ersten Tag des Gipfels den Kongresssaal betrat, merkte sie schlagartig, dass der deutschen Delegation von fast allen Seiten eine äußerst frostige Stimmung entgegen schlug.
Sie suchte den Blick von Sarkozy und sah sein ebenfalls irritiertes Verhalten. Sarkozy hob die Hände und zuckte die Schulter.
Mehrere Weltgipfel hatte die Kanzlerin hinter sich gebracht. Noch nie hatte sie das Gefühl gehabt, einer solchen Geschlossenheit gegenüber zu stehen.
Über 100 Länder spontan eine Stellungnahme gegen das von Außenminister S vorgestellte Umweltgesamtkonzept ab.
Lediglich Frankreich, die skandinavischen Länder und Japan, sprachen sich für das Konzept aus.
In der Mittagspause nach dem Desaster rief die Bundeskanzlerin den BND-Chef Ernst Uhrlau an: „Herr Uhrlau, warum wissen wir nichts von einem Widerstand von über 100 Ländern gegen unsere Umweltkonzepte ?“
„Frau Bundeskanzler, wir haben wirklich aus keinem Land ein negatives Feedback im Vorfeld erhalten. So etwas ist unmöglich. Die Umstimmung der einzelnen Länder muss innerhalb von kürzester Zeit erfolgt sein. Aber wer ist so einflussreich, dass er über 100 Regierungschefs auf seine Seite bringen könnte?
Das Potenzial hätten die USA, aber die haben zum Thema Umwelt in den letzten Jahren so viele Fronten aufgemacht, die würden es nie schaffen, alle unter einen Hut zu bringen.“

Kanzlerin M merkte, hier kam sie nicht weiter.
In den nächsten Tagen forderte es ihr ganzes diplomatisches Geschick, dass das Thema weiter Tagesgespräch blieb.
Nach und nach kristallisierte sich ein klares Meinungsbild heraus.
Wenn auch alle geschlossen gegen das französisch-deutsche Umwelt- und Strukturkonzept waren, so doch aus völlig unterschiedlichen Motiven.
Widerstände aus den USA hatte man erwartet.
Schließlich bestand hier die Angst, dass die USA die Rolle der Weltpolizei an Europa abgeben musste.
Die totalitären Staaten Afrikas waren alle der Meinung, ein R-Fax für jeden würde der Vorbereitung eines Putsches gleich kommen. Schließlich wäre es für ihr Volk zum ersten Mal möglich, sich kurzfristig und flächendeckend zu mobilisieren.
Die demokratischen Staaten Afrikas waren alle der Meinung, die FINDERS -Fraktion wollte die Afrikaner mit den Finder – Kategorien bevormunden, um ihnen ihr Weltbild aufzustülpen.
Die Chinesen warfen der FINDERS – Fraktion vor, sie hätten den Vorschlag, auch den CO2 Verbrauch für die Lieferung von Waren in der Berechnung der Emissionszertifikate einzubeziehen, nur deshalb gemacht, weil Deutschland sich mit ihren angeblichen enormen Erfolgen bei der Einsparung von CO2 vor dem Bezahlen für Zertifikate drücken wollte.
Hier ein positives Ergebnis zu erzielen war unmöglich.
Als dies klar war, waren alle Konferenzteilnehmer nur noch bemüht, in der ihr Gesicht zu wahren. Jedem war klar, man würde diesmal nicht weiter kommen.
Öffentlich hieß es später, Bali sei ein voller Erfolg geworden, da man nun erstmals einen Plan für weitere Gespräche mit über 100 Ländern verabschiedet habe.

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